Kooperationsgespräche der Stadt: Schlagbauer und Sauer im fwk.de-Interview

04.03.2016 / 22:00 Uhr

Zwischen Tradition und Vision:
Warum die Kickers bei Kooperationsgesprächen mit am Tisch der Stadt sitzen

 

Mit seiner Entscheidung in den Haushaltsberatungen, dem FC Würzburger Kickers einen Zuschuss in Höhe von 200.000 Euro zu gewähren, hatte der Stadtrat seinem Oberbürgermeister Christian Schuchardt im November vergangenen Jahres auch das Mandat erteilt, auszuloten, inwieweit Vereinskooperationen zu einer Bündelung der Kräfte im Würzburger Fußball führen. In diesen Tagen ist das Thema an die Öffentlichkeit gelangt und wird vielerorts heiß diskutiert. fwk.de spricht mit den beiden Kickers-Vorstandsvorsitzenden Michael Schlagbauer (e.V.) und Daniel Sauer (AG) über die aktuelle Lage.

 

Das Thema ist nicht neu, die Kickers selbst hatten in den vergangenen Jahren bereits mehrere Vorschläge für eine Zusammenarbeit der Würzburger Fußball-Klubs unterbreitet. Was ist jetzt auf einmal anders?
Schlagbauer: Die Würzburger Kickers waren immer offen für Gespräche, allerdings sind wir mit unseren Vorschlägen zuletzt nicht überall auf die erhoffte positive Resonanz gestoßen. Von daher reifte bei uns der Entschluss, es eben selbst zu versuchen. Dafür sind wir anfangs vielerorts belächelt worden. Aber tatsächlich haben wir es geschafft, dass professioneller Fußball in Würzburg wieder eine Heimat hat. Dieser Erfolg hat natürlich mehrere Komponenten. Dass Thorsten Fischer Antreiber des Projekts und auch Motor der wirtschaftlichen Seite war, hat uns immens geholfen, auch viele weitere Unterstützer und Sponsoren zu gewinnen. Das ist auch gut so, denn so sind wir autarker und hängen nicht am Tropf eines großen Konzerns. Zudem war die Verpflichtung von Trainer Bernd Hollerbach ein absoluter Glücksgriff. Seine Bodenständigkeit und seine Heimatverbundenheit sind enorm, zudem ist er ein Fußball-Experte – das hat er längst allen bewiesen. Diese Konstellation war perfekt. Dass jetzt wieder Gespräche aufgenommen werden, hat uns grundsätzlich gefreut. Entscheidend aber ist, dass der Motor in diesem Fall die Stadt mit dem OB an der Spitze ist. Das ist neu, und aktuell sehe ich das Ganze sehr hoffnungsfroh. Es bewegt sich etwas. Am Ende der Wegstrecke muss es sich auf jeden Fall im wahrsten Sinne des Wortes lohnen und der Fußball entscheidend weiterkommen. Alles andere macht für die Kickers auch keinen Sinn.

Sauer: Wir haben unsere Gesprächsbereitschaft logischerweise auch jetzt wieder angeboten und sind dem Stadtrat dankbar dafür, dass der Anstoß aus seinen Reihen gekommen ist. Dort ist die große Bedeutung eines Profiklubs in der Stadt angekommen, sonst wäre dieser Beschluss nicht gefasst worden. Darauf hatten wir immer gehofft. Unser Joker ist zweifelsfrei die Region, die stolz ist, wieder ein Fußball-Aushängeschild hier in Würzburg zu unterstützen.

 

Was bedeutet das konkret?
Sauer: Erst einmal nichts, denn es gibt zum heutigen Tage noch nichts wirklich Spruchreifes. Es geht zu diesem sehr frühen Zeitpunkt für alle jetzt erst einmal darum, auszuloten, welche Synergien es gibt und welchen Ansatz die Stadt verfolgt. Vor allem Letzteres wird hauptentscheidend sein, was die Zukunft des Fußballs anbetrifft. Diese Gespräche laufen, und wir als Kickers sitzen mit am Tisch. Das ist auch gut so.
Schlagbauer: Dass es die Kickers nur unter enormen Belastungen geschafft haben, den Traum vom Profifußball zu verwirklichen, ist nicht neu. Vor allem finanziell beneiden wir andere Standorte. Egal, wo wir in dieser Saison schon waren: Überall sitzt die Kommune mit im Boot. Ob in Aue oder Erfurt, in Dresden oder Chemnitz – allerorten wird modernisiert oder gar gänzlich neu gebaut. Die mehrere Millionen schwere Hauptlast trägt dabei die öffentliche Hand. Diese Tatsache ist vielen in Würzburg so aber gar nicht geläufig. Deswegen ist es von Bedeutung, zu wissen, welche unterstützende Rolle die Stadt spielen kann und dass sie bekundet hat, ein Teil des Projektes sein zu wollen. Dass wir es in wenigen Monaten geschafft haben, eine Region zu begeistern und viele Unterstützer zu gewinnen, ist das Resultat seriösen Handelns. Schon da haben wir deutlich gespürt, dass es gemeinsam einfacher ist.

 

Was können sich die Kickers denn vorstellen?
Sauer: Vieles, aber jetzt ein Fass an Forderungen aufzumachen, wäre großer Unfug und töricht. Es ist doch schon etwas, dass die Stadt überhaupt mit am Tisch sitzt und sogar alle anderen Klubs dazu aufruft, mitzudiskutieren und Vorstellungen einzubringen. Vor ein paar Jahren wäre das absolut undenkbar gewesen.
Schlagbauer: Fakt ist, dass es den Kickers an Platz mangelt. Das ist ein, wie ich finde, positiver Effekt aus den erfolgreichen letzten beiden Jahren. Fußball hat in der Region wieder einen echten Stellenwert, die Kickers sind der Profisportverein Würzburgs mit den meisten Zuschauern, und wir haben einen ungemeinen Zulauf an Jugendlichen. Das bringt Probleme mit sich, denn unsere Kapazitäten sind begrenzt. Uns tut es um jedes Kind leid, dem wir sagen müssen: ,Sorry, wir haben keinen Platz für Dich!‘ Mit möglichen Kooperationen ließe sich da ganz sicher etwas bewerkstelligen, andere Vereine etwa plagen Nachwuchssorgen. Wir könnten mit anderen Klubs der Stadt den Breitensport für Kinder und Jugendliche ausbauen sowie gleichzeitig den besten Talenten die entsprechende Förderung mit einer großen Perspektive in unserem Nachwuchsleistungszentrum geben. Dieser soziale Aspekt, das wissen wir, ist auch der Stadt wichtig.

 

Welche Konsequenz hätte das für den Profibereich?
Sauer: Das, was Bernd Hollerbach bereits gesagt hat. Unser Ziel muss es sein, dass talentierte Fußballer nicht woanders hingehen müssen, anstatt in Würzburg zu spielen. Dass kein Spieler mehr mit dem Zug nach Nürnberg, Fürth oder Frankfurt zum Training eines Erst- oder Zweitligisten fährt, sondern hier vor der Haustüre unter fundierter Anleitung spielen kann. Was bringt es uns, wenn die Frankfurter Eintracht oder der Nürnberger Club hier bei uns Talenttage veranstalten, sich die besten Spieler aussuchen und für sich nutzen? Wir wollen die Talente der Region bei uns behalten. Unter den jetzigen Voraussetzungen versuchen wir das. Das NLZ und damit auch der Bayerische Fußball-Verband helfen uns dabei schon enorm, aber es wäre weitaus mehr möglich. Das hat jetzt auch DFB-Präsident Rainer Koch nochmals unterstrichen.
Schlagbauer: Sollte es uns durch eine Bündelung der Kräfte gelingen, Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in den Profibereich zu bringen, dann hätten wir alles richtig gemacht. Wir wollen unsere Verbundenheit zur Region auch auf dem Platz sehen. Aber wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass das ganz schwer wird und bei vielen anderen Profiklubs hierzulande nicht so funktioniert. Aber Ziele muss man haben, und man muss etwas dafür tun. Region und Menschen der Stadt müssen mutig in die Zukunft schauen und sich dabei auch noch mehr zutrauen. Mehr als die anderen. Aktuell ist es schon alleine infrastrukturell nicht gerade einfach, um es positiv zu formulieren.

 

In der Öffentlichkeit wurden Klubs genannt, mit denen gesprochen wird. Was gibt es dazu Neues?
Schlagbauer: Fakt ist, dass der OB neben uns auch Vertreter des Post SV Sieboldshöhe und des WFV zu sich ins Rathaus eingeladen hatte. Dass wir zuvor schon sehr weit fortgeschrittene Gespräche mit dem Post SV geführt hatten, ist nicht neu. Beide können sich eine Zusammenarbeit sehr gut vorstellen, da waren wir auch ohne Stadt schon sehr weit. Der Post SV hatte uns zuletzt immer wieder partnerschaftlich geholfen, wofür wir uns nur bedanken können. Das war beinahe schon ein Paradebeispiel, wie es funktionieren könnte, wenn noch mehr dabei sind. Ansonsten, das hat Christian Schuchardt betont, ist er für alle anderen Interessenten offen. Wir übrigens auch. Je mehr, desto besser – Zusammenhalt, Ehrlichkeit und der Wille, in der Region weiterzukommen, das wäre die perfekte Formel für die Zukunft.

 

Es wurde in vielen Diskussionen aber sehr auf eine Kooperation zwischen Kickers und WFV zugespitzt . . .
Schlagbauer: Ja, das ist uns natürlich nicht verborgen geblieben. Aber es ist doch nur logisch und richtig, dass auch der aktuell zweithöchstspielende Klub mit am Tisch sitzt. Schade finde ich in der Diskussion nur, dass einige jetzt schon irgendwelche Szenarien aufzeigen, die es doch gar nicht gibt. Von Fusion ist die Rede, Vereinnahmung und solchen Dingen. So etwas schadet dem Ansinnen aktuell nur. Wir müssen das Positive sehen. Wer ans Scheitern denkt, braucht erst gar nicht loszulaufen. Dass es einigen Fans nicht passt, dass wir uns neben vielen anderen auch mit dem WFV unterhalten, ist – so glaube ich – nicht mehr zeitgemäß. Klar ist auch, dass das Thema bereits leider öffentlich diskutiert wird, was ganz bestimmt nicht zuträglich ist. Denn so entsteht Druck für alle Seiten. Uns wäre es lieber gewesen, dann über Dinge zu sprechen, wenn es eine echte Grundlage dafür gibt. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir zuallererst unsere Mitglieder und Fans informieren – sie wären betroffen, und sie müssen in solche Prozesse unbedingt mit eingebunden werden.

Sauer: Fakt ist doch, dass die Kickers bereits fest im Profifußball-Boot sitzen, sozusagen die Hand am Steuer haben und schon sehr erfolgreich unterwegs sind. Aber jeder, der zusätzlich ein Ruder übernimmt, macht das ganze Boot noch schneller und erfolgreicher. Auch die Stadt und die Region gehören unserer Ansicht nach fest zu dieser Besatzung. Zudem bieten wir allen anderen, die ernsthaftes Interesse haben, auch ein Ruder an. Da gehen wir absolut vorurteilsfrei an die Sache. Dass die Kickers in den nächsten Jahren so oder so Gas geben wollen und werden, ist bekannt. Jetzt kommt es darauf an, ob es weitere sinnvolle Möglichkeiten gibt, den Antrieb zu forcieren. Und sind wir doch ganz ehrlich: Einige wenige wollen von uns eine klare Abgrenzung zum WFV. Das halten wir zum jetzigen Zeitpunkt aber für nicht angebracht und wäre ein falsches Zeichen an den OB und seinen Stadtrat. Wir waren auch in den vergangenen Jahren in Form von Michael Schlagbauer für Gespräche bereit, wir sind das auch jetzt. Das gilt für den Post SV, den WFV und könnten beispielsweise aber auch der SC Lindleinsmühle, der TSV Grombühl, der SV Heidingsfeld oder der TSV Gerbrunn sein, um weitere, aber noch nicht konkrete Beispiele zu nennen. Zusammen, davon sind wir überzeugt, kann es nur besser laufen. Innerhalb und außerhalb der Stadtgrenzen. Diese Grundlagen gilt es nun auch zu schaffen. Nur so lässt sich am Ende eine fundierte Entscheidung treffen.

 

Auch ein neuer Vereinsname ist schon im Gespräch, geben die Kickers ihre Identität auf?
Schlagbauer: Das ganz gewiss nicht. Die Kickers haben durch harte Arbeit und den großen sportlichen Erfolg gerade in den letzten Jahren einen hohen Imagegewinn zu verzeichnen. Diese Marke macht man nicht über Nacht kaputt und fängt wieder bei Null an. Die Kickers haben wieder einen Namen in Fußball-Deutschland. Wir dürfen unsere Werte und unsere Identität nicht aufgeben, wir besitzen die Größe, nicht egoistisch zu sein. Denn, wenn immer der, der gerade oben steht, arrogant und überheblich ist, kommen wir gemeinsam nie voran. Überheblichkeit gehört nicht zu den Werten der Würzburger Kickers. Denn wer weiß schon, wo wir in fünf Jahren stehen. Fußball ist immer eine Momentaufnahme. Sicher ist jedoch, je mehr mit an Bord sind, desto besser werden wir in fünf Jahren dastehen.
Sauer: Aktuell geht es ja sogar soweit, dass nicht nur Namen gehandelt werden, sondern auch schon über Vereins-Logo und -Farbe diskutiert wird. Wenn das aktuell die Grundlage für Gespräche wären, würden wir – davon bin ich felsenfest überzeugt – auch in fünf Jahren noch nicht weiter sein, uns mit Details beschäftigen und hätten das große Ganze aus den Augen verloren. Dann wäre das vergeudete Zeit und eine vergebene Chance.

 

Wie geht es jetzt weiter?
Schlagbauer: Um die Osterwoche wird es wieder ein Gespräch beim Oberbürgermeister geben. Vielleicht weiß Christian Schuchardt dann schon mehr, kann eventuell über weitere mögliche Schritte sprechen. Wir haben immer gesagt, dass wir für vieles offen sind, was das große Ganze in der Region voranbringt – dabei bleibt es auch jetzt.
Sauer: Wenn es diese Basis gibt, was mich ungemein freuen würde, dann läge der Ball wieder bei uns und den interessierten Vereinen, auszuloten, welche Konstellationen sich umsetzen lassen und wie man an die Sache herangeht. Unser Ansinnen ist es, Breiten- und Spitzensport im Nachwuchsbereich strategisch, praktisch und nachhaltig zu verbessern und den Profifußball mit einer gesunden wirtschaftlichen Basis auf die nächste Stufe zu heben. Alleine, das haben die letzten Jahre verdeutlicht, kann es durchaus auch gehen, mit Unterstützung aus dem Stadtrat und anderen Klubs ginge es ganz bestimmt deutlich leichter.

 

Welche Reaktionen gibt es dieser Tage vereinsintern?
Schlagbauer: Vor sechs Jahren hatten wir in der Landesliga 180 Zuschauer, aktuell sind es 5000. Das sagt doch alles darüber, was der Kickers-Fan will. Unsere U23 spielt aktuell sehr erfolgreich in der Landesliga, sie würde sich über 180 Zuschauer freuen.
Sauer: Ich habe in vielen persönlichen Gesprächen nur Positives vernommen. Dass es in Würzburg leider auch einige Menschen gibt, die kleinkariert denken und in der Vergangenheit leben, müssen wir akzeptieren. Michael hat bereits betont, was entstanden ist. Wenn wir von 180 Zuschauern auf aktuell durchschnittlich rund 5000 Besucher gekommen sind, unterstreicht das die entfachte Euphorie und den Hunger der Region auf Profifußball. Und das Schöne ist doch: Je erfolgreicher wir in der Zukunft sind, desto erfolgreicher und wertvoller wird die Vergangenheit, die Tradition und der Stellenwert der Würzburger Kickers – hier bei uns und in ganz Fußball-Deutschland. Für mich kann Erfolg auch zu einer schönen Tradition werden.

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